Der friedliche Krieger

Otto war völlig frustriert. Sein Wutanfall, bei dem er gerade richtig laut geworden war, hatte ihn wieder einmal viel Energie gekostet. Was sollte er auch tun, wenn die Anweisungen, die er als Firmenchef gab, permanent torpediert wurden? Noch dazu von den eigenen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern.
Das Entmutigendste an der Situation war aber, dass er wusste, dass er nach diesem emotionalen Ausbruch, bei dem er im Sekretariat laut herumgeschrieen hatte, wieder einmal nicht ernst genommen wurde. Und dass er, nachdem der Ärger verraucht war, sich wieder einmal entschuldigen würde.

Otto war mit seinem Latein am Ende. Ausgebrannt, mutlos, ohne Motivation dieses Spiel, das er permanent verlor, weiter zu spielen. Hatte er den falschen Beruf gewählt? War er überhaupt in der Lage, die Firma, die er von seinen Eltern übernommen hatte, zu führen oder sollte er lieber alles hinschmeißen und aussteigen?

Otto war verzweifelt, nahe am Burnout, und dachte sich: „Genug ist genug. Dieses Mal war das letzte Mal, dass mir ein Wutanfall dieser Art passierte. Jetzt muss sich etwas ändern. So will ich nicht mehr weitermachen.“ Er war nicht nur frustriert, sondern auch unglaublich wütend auf sich selbst. Ein Freund, dem Otto seine Nöte und seinen Entschluss, unbedingt etwas ändern zu wollen, anvertraute, gab ihm den Tipp, sich doch einmal sein Horoskop erstellen zu lassen.

Mehr als ungläubig vereinbarte er mit mir, die ihm empfohlen worden war, einen Termin. Aber sein Leidensdruck war so groß geworden, dass ihm meine Hilfe, an die er im Grunde nicht wirklich glaubte, noch immer lieber war als gar keine.

Die Geschichte von Otto ist sehr interessant. Weil sie für viele ähnliche Geschichten und Lebenserfahrungen steht, die ich im Laufe meiner langen Tätigkeit als Astrologin erfahren dürfte. Gleich zu Beginn unserer Sitzung stellte sich heraus, dass Otto zwei völlig gegensätzliche Sternzeichen zugeordnet sind. Die Sonne im Widder, der Aszendent in der Waage und die Venus im 7. Haus. Das starke Durchsetzungsvermögen des Widders steht im starken Gegensatz zur ausgleichenden und friedliebenden Waage. Damit waren zwar Ottos herausfordernde, astrologische Grundkonstellationen aufgezeigt, nicht aber jene Werte und Überzeugungen, die der Mittdreißiger von früher Kindheit an durch seine Eltern erfahren hatte.

Sein Glaubenssatz: „Ich muss immer friedlich und bescheiden sein, hinderte ihn daran, seine eigenen Interessen und Bedürfnisse zu leben.“

Damit hatte Otto seine eigene Durchsetzungsfähigkeit ständig selbst torpediert und konnte sie nicht verwirklichen. Die Waage war sein bestimmendes Element in Konfliktsituationen geworden, der Widder wurde ständig unterdrückt.

Es war jedoch nicht nur diese Erkenntnis, die Otto nach einigen Sitzungen zur positiven Wendung in seinem Leben führte. Es war schließlich eine höchst emotionale Beschäftigung mit einem Bild aus seiner Kindheit. Ich hatte ihn gebeten, doch eines mitzubringen, was er nach einigen Sitzungen auch tat. Da lag es nun vor uns. Ein Foto, auf dem ein Bub von fünf oder sechs Jahren zu sehen war. Brav sah er darauf aus, aber auch ein wenig missmutig. Eingepfercht in einen steifen Anzug mit einem Mascherl um den Hals und einem passenden Steirerhut. Ich musste ihn nicht lange bitten, mir etwas über dieses Kind auf dem Foto zu erzählen, da brach es wie ein Vulkan aus ihm heraus: „Ich hasse diesen Anzug, dieses Mascherl und diesen Hut! Ich hätte mir alles am liebsten vor dem Fotografieren wieder schreiend ausgezogen, so sehr hasste ich das Gewand!“

Jetzt war Otto an jenem Punkt angelangt, an dem ich ihm mithilfe seiner astrologischen Konstellation aufzeigen konnte, warum er auch als Erwachsener immer noch „das brave Kind“ war. Warum er noch immer ein Mensch war, der sich noch mit über 30 Jahren den elterlichen Autoritäten unterordnete und dabei sein eigenes Sein verleugnete. Otto hatte neben dem Mars im Widder die Sonne im 8. Haus. Menschen, die diese Sonnenkonstellation haben, neigen dazu, das Programm ihres Vaters zu übernehmen. Auch, wenn es nicht ihrem Wesen entspricht. So wie dies bei Otto der Fall gewesen war.

Nach dem Erkennen und dem Befreiungsschlag, den Ottos „inneres Kind“ zuwege gebracht hatte, als es sich gegen den Anzug und den Hut auflehnte, begann der Unternehmer Schritt für Schritt an sich zu arbeiten. Dabei kam ihm der in der Beratung gemeinsam entwickelte neue Glaubenssatz zu Hilfe, den er sich in Konfliktsituationen immer und immer wieder vorsagte: „Ich bin ein friedlicher Krieger und darf meine eigenen Interessen und Bedürfnisse durchsetzen. Ab jetzt, lebe ich nur noch mein Programm – das Pluto-Programm“.

Ottos Partnerin, die er bald darauf kennenlernte, ist eine Frau, die Konflikten nicht aus dem Weg geht. Mit ihr hatte er großes Glück, denn schon bald wurde sie seine Sparringpartnerin. Jemand, an dem er immer wieder versuchte, seinen neuen Zugang zu seinen eigenen Bedürfnissen auszuprobieren.

Heute, einig Zeit nach unseren Sitzungen, ist Otto ein erfolgreicher und vor allem zufriedener Unternehmer. Er hat sich die Freiheit genommen, die Firma umzugestalten und zu modernisieren. Er ist einen neuen, anderen Weg gegangen als seine Eltern und hat es gelernt, sich zu behaupten und seine unterschiedlichen Anlagen ( Sonne und Aszendent) und Bedürfnisse in Einklang zu bringen.